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Das unsichtbare Band – Warum eine sichere Bindung schon im Mutterleib beginnt

Die Schwangerschaft ist eine Zeit des „kleinen Wunders“ – und oft auch der „grossen Fragen“. Eine davon beschäftigt viele werdende Eltern besonders: Wie baue ich eine tiefe Beziehung zu meinem Kind auf? Der renommierte Kinderpsychiater und Bindungsforscher Dr. Karl Heinz Brisch sowie die Bindungsanalytikerin und Osteopathin Maria Reiter-Horngacher erklären, dass dieses „unsichtbare Band“ nicht erst mit der Geburt entsteht. Seine Wurzeln reichen bereits tief in die Schwangerschaft hinein.

Was bedeutet sichere Bindung eigentlich?

Bindung ist weit mehr als Zuneigung. Der Begründer der Bindungstheorie, John Bowlby, definierte sie als ein spezifisches emotionales Band, das Menschen über Raum und Zeit hinweg miteinander verbindet. Eine Bindungsperson ist für ein Baby nicht beliebig austauschbar. In Momenten von Angst, Unsicherheit oder Stress sucht es gezielt Schutz bei genau dieser vertrauten Person. Eine sichere Bindung gilt als wichtiges Fundament für das weitere Leben. Kinder, die dieses Urvertrauen entwickeln, zeigen später häufig:

eine bessere Emotionsregulation und Stressbewältigung
mehr Empathie und soziale Kompetenz im Umgang mit Konflikten
Vorteile in der Sprachentwicklung, Kreativität und beim Lernen

Die Baby-Zwiesprache: Kontakt im Mutterleib fördern

Maria Reiter-Horngacher betont, dass die Reise ins Leben bereits im Bauch beginnt. Eine bewährte Methode zur Förderung der pränatalen Bindung ist die sogenannte Baby-Zwiesprache. Dabei treten Eltern in ihrer Vorstellung in einen inneren Dialog mit dem ungeborenen Kind. Diese bewussten inneren Begegnungen können helfen, sich emotional auf das Baby einzulassen und es nach der Geburt bereits als vertrautes Wesen zu empfangen. Auch Väter spielen dabei eine wichtige Rolle: Durch das Auflegen der Hand auf den Bauch, gemeinsames Atmen oder bewusste Momente der Nähe können sie für das Baby bereits vor der Geburt spürbar und präsent werden.

Hormone und Stress: Die Rolle des Cortisols

Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, wie eng Mutter und Kind schon während der Schwangerschaft miteinander verbunden sind. In den ersten zwei Dritteln der Schwangerschaft ist das Stresshormon Cortisol plazentagängig. Das bedeutet: Wenn die Mutter über längere Zeit unter starkem Stress steht, kann auch der Stressspiegel des Babys steigen – und damit die Gehirnentwicklung beeinflusst werden. Wichtig ist jedoch: Kurzzeitige Stressmomente sind in der Regel unbedenklich. Entscheidend ist die Möglichkeit zur Entspannung. Wenn die Mutter wieder zur Ruhe kommt – etwa durch ein Bad, einen Spaziergang oder bewusstes Atmen –, sinkt auch der Hormonspiegel beim Baby.

Die Geburt und das Bonding-Konzept

Die Geburt selbst ist für Mutter und Kind ein hochemotionales Ereignis. Eine liebevolle und sichere Begleitung kann dabei helfen, Stress zu reduzieren und den Start ins gemeinsame Leben zu erleichtern. Das heute bekannte Bonding-Konzept geht auf die Forscher Klaus und Kennell zurück. Ihre Arbeit trug wesentlich dazu bei, dass Mütter und Neugeborene nach der Geburt nicht mehr routinemässig getrennt werden. Stattdessen sollen Hautkontakt und Rooming-in frühe Nähe ermöglichen und die Bindung von Anfang an stärken.

Stolpersteine im digitalen Zeitalter

Ein aktuelles Risiko für die Bindungsentwicklung ist der übermässige Gebrauch von Smartphones. Expertinnen und Experten warnen dabei vor zwei Gefahren:

  • Ablenkung: Wenn Eltern stark auf den Bildschirm fixiert sind, können sie die feinen Signale ihres Babys leichter übersehen.
  • Ersatzbindung: Wird das Smartphone regelmässig zur Beruhigung des Kindes eingesetzt, kann es zu einer Art „Ersatzbindungsperson“ werden – mit einem hohen Suchtpotenzial. Die elterliche Koregulation, also das Trösten durch Nähe, Stimme und Körperkontakt, lässt sich durch kein Gerät ersetzen.

Hoffnung für besondere Situationen: IVF und Nachnähren

Oft stellt sich die Frage, ob Kinder nach einer künstlichen Befruchtung, also IVF, eine andere Bindung entwickeln. Dr. Brisch und Maria Reiter-Horngacher geben Entwarnung: Die Art der Empfängnis beeinflusst die Bindungsfähigkeit nicht grundsätzlich. Entscheidend ist vielmehr, wie Eltern ihre eigene Geschichte verarbeiten und dem Kind emotional begegnen. Und für alle, die das Gefühl haben, den Start verpasst zu haben: Dank der Neuroplastizität des Gehirns können Bindungserfahrungen auch später nachgenährt werden. Bindung ist ein lebenslanger Prozess. Sie entsteht durch Feinfühligkeit, Verlässlichkeit und den tiefen Wunsch, gesehen und geliebt zu werden.

Kleines Wunder, grosse Fragen – Unser Podcast
Jetzt reinhören: Sichere Bindung von Anfang an 

SCHW-LI_DANIELA-P_200701-001

Daniela Niedermayr-Mathies

Daniela Niedermayr-Mathies ist Stellenleiterin im Team schwanger.li in Schaan/Buchs. Sie ist Diplomsozialarbeiterin, systemische Beraterin und Bindungsanalytikerin (nach Hidas und Raffai).

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